Anwendungsmodernisierung bei der Bremer Kreditbank

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Anwendungsmodernisierung bei der Bremer Kreditbank

Interview mit Jens Rammenzweig, Vorstand der Bremer Kreditbank

PROFI.news Redaktion: Herr Rammenzweig, seit zwei Jahren sind Sie Vorstand bei der Bremer Kreditbank. Welche Verantwortungsbereiche liegen in Ihrem Vor­standsressort?

Jens Rammenzweig: Meine Hauptaufgabe ist das Risikomanagement in der Bank, daneben verantworte ich die Bereiche Finanzen, Organisation und IT.

Red.: Damit haben Sie einige Hüte auf.
Welchen Stellenwert hat aus Ihrer Sicht die IT für ein Finanzinstitut wie das Ihre?

JR: Eine funktionierende IT ist in der aktuellen Phase der Digitalisierung vieler Geschäftsmodelle essenziell. Gerade in der Finanzbranche entwickelt sich ein zunehmender Wettbewerb zwischen den klassischen Banken und den FinTechs. Auch wenn der Wettbewerb hier noch überwiegend im Privatkundengeschäft ausgetragen wird, so heißt es doch auch für uns dranzubleiben, um durch den Einsatz moderner Technologien unsere Prozesse zu verbessern und effizienter zu gestalten.

Red.: Und was bedeutet das konkret für Sie? Da haben Sie doch sicherlich erste Projekte angeschoben.

JR: In einem ersten Schritt haben wir eine vollständige Analyse unserer IT-Landschaft durchgeführt und identifiziert, wo unsere Infrastruktur noch nicht der aktuellen Best Practice genügt. In einem zweiten Schritt haben wir das bestehende Software-Portfolio aufgenommen, um Optimierungspotenzial bei Funktionalität sowie Lizenzkosten zu evaluieren.

Beim Thema Infrastruktur haben wir schnell erkannt, dass auch wir eine komplett abgegrenzte Entwicklungsumgebung benötigen. Damit können wir jetzt unsere neuen Software-Komponenten vollständig abgeschottet vom täglichen Betrieb entwickeln und bewerten. Vor der Einspielung in den produktiven Betrieb erfolgt dann als letzter Schritt ein Test auf Herz und Nieren in unserer für diesen Zweck neu geschaffenen, sehr produktionsnahen Testumgebung.

Beim Software-Portfolio haben wir deutliche Optimierungen anstoßen können. Durch die Einführung von MS SharePoint als neuem Enterprise Content Management System schaffen wir eine homogene Software-Landschaft, bei der das Intranet, die elektronische Akte, die elektronische Prozessunterstützung sowie das Customer Relationship Management nahtlos mit der Standard-Büro-Software verbunden werden können.

Red.: Nun gehören Sie mit Ihrem Haus zu den vielen Anwendern der IBM Power System i, auf der Ihr eigenentwickeltes Kernsystem läuft. Welche Auswirkung hat diese Ausgangslage für Ihre IT-Strategie?

JR: Die Verknüpfung des IBM Power System i mit unserer neuen Software-Plattform auf Basis von MS SharePoint ist sicherlich eine der größten Herausforderungen. Einerseits wollen wir das bewährte Midrange-System für unsere eigenentwickelte Kernbankanwendung behalten; andererseits ist die Modernisierung der bestehenden Software-Strukturen und Benutzeroberflächen sowie der Aufbau von Real-/Neartime-Schnittstellen mit den sonstigen Software-Komponenten in der Bank kurzfristig vorgesehen.
Um eine maximale operative Stabilität sicherzustellen, haben wir uns für eine schrittweise Neuentwicklung unserer Kernbankanwendung im laufenden Betrieb entschieden.

Für jeden Teilbereich der Software erfolgt zunächst eine Umstellung auf normalisierte Datenstrukturen, auf die – entgegen unserer bisherigen Handhabung – vollständig per SQL zugegriffen werden kann.

In einem zweiten Schritt werden die Eingabe- programme auf die neuen Datenstrukturen angepasst; schreibende Zugriffe sind nur noch im neuen Datenmodell möglich. Für lesende Zugriffe werden die neuen Daten in die alten Strukturen repliziert, sodass die bestehende Software nach wie vor weiter stabil laufen kann.

Die Umstellung auf das neue Datenmodell erlaubt uns, für die bereits umgestellten Cluster sukzessive neue Programmiertechniken und Komponenten anzuwenden.

Red.: Indem Sie sich für die schrittweise Neuentwicklung Ihres Kernsystems entschieden haben, haben Sie sich auch gegen eine Standardapplikation entschieden. Warum das?

JR: Die vollständige Kontrolle über unsere eigene Software sehen wir als einen wesentlichen Wettbewerbsvorteil. Bei einer Standardapplikation käme zu den Risiken einer Migration die langfristige Abhängigkeit von der Innovationskraft eines Fremdanbieters, der eine Vielzahl von Banken mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen zufriedenstellen muss.

Durch die schrittweise Migration unserer Daten in neue Strukturen umgehen wir das Risiko einer Komplettmigration und können bei operativen Problemen ohne größeren Aufwand innerhalb weniger Stunden einen kompletten Rollback umsetzen.

Darüber hinaus werden Innovationen durch uns selber getrieben. Zum Beispiel werden wir in einem der nächsten Rollouts eine Plausibilisierung der Daten neuer Firmenkunden gegen das elektronische Handelsregister einführen. Auf diesem Wege stellen wir eine optimale Datenqualität in unseren Systemen sicher und erhalten als Zusatznutzen eine elektronische Nachricht, wenn sich die Daten unserer Kunden verändern.

Red.: Dies sind sicherlich nachvollziehbare Gründe. Nun wissen wir, dass Sie die Modernisierung und Neuentwicklung mit sehr viel Augenmaß und einer behutsamen Agilität angehen. Ist das auch Teil einer Risikominimierung?

JR: Ja, selbstverständlich, unsere aktuelle Kernbankanwendung ist das Herzstück der Bank. Wenn es zu einem Ausfall kommt, dann läuft kein Prozess der Bank mehr störungsfrei. Selbst unsere Bilanz kann nicht mehr erstellt werden, da alle hierfür notwendigen Konten und Buchungen auf dem Kernbankensystem hinterlegt sind.

Durch die gewählte Vorgehensweise – parallel zu dem Aufbau eines Data Warehouse für Melde- und Berichtsdaten – ist das Umstellungsrisiko in sehr kleine und gut überschaubare Tranchen unterteilt.

Red.: Welche Vorteile erwarten Sie von der Neuentwicklung?

JR: Die Vorteile sind recht vielfältig. Einerseits haben wir die Möglichkeit, die vorhandenen Datenstrukturen vollständig neu aufzubauen und an den heutigen Anforderungen auszurichten. Andererseits können wir eine neue, intuitive Benutzeroberfläche schaffen, die den alten Greenscreen ablöst und die Eingabeprozesse für unsere Mitarbeiter deutlich erleichtert.

Gerade das Konzept der IT-gestützten Prozessoptimierung ist in unserer aktuellen Kernbankanwendung kaum zu finden. Auch hier gibt es deutliches Potenzial für eine Optimierung bei der Neuentwicklung, zum Beispiel durch die Einbindung von Workflows oder auch durch Referenzierung des Kernbanksystems zu unseren elektronischen Akten.

Einen erhofften, aber so nicht erwarteten Effekt sehen wir schon jetzt: Neuentwicklungen oder Anpassungen gehen jetzt rund 50 Prozent schneller, da das neue Entwicklungs-Framework viele Routineschritte im Hintergrund automatisch abarbeitet.

Red.: Die PROFI AG ist bereits seit vielen Jahren Ihr Dienstleister für alle Fragen rund um die Plattform IBM Power System i. Nun dürfen wir Sie gemeinsam mit unserem Partner, der PKS, auch bei der Modernisierung der Anwendung tatkräftig unterstützen. Was hat Sie zu dieser Entscheidung bewogen und welche Erwartungen knüpfen Sie daran?

JR: Bei einem Projekt dieser Größenordnung, das für uns ja so etwas wie eine „Operation am offenen Herzen“ darstellt, sind bekannte und verlässliche Partner unverzichtbar.

Die PROFI AG kennt unser System seit Jahren und wird uns sicherlich bei den notwendigen Umstellungen in gewohnter Qualität weiter unterstützen. Mit der Entscheidung, das bewährte IBM Power System i mit neuester Microsoft-Technologie zu kombinieren, gehen wir einen eher ungewöhnlichen Weg, bei dem wir auf erfahrene Unterstützung setzen.

Mit der PKS hatten wir in der Analysephase den idealen Partner, der uns geholfen hat, die „technologischen Schulden“ zu identifizieren, die wir vor unserem Modernisierungsprojekt noch begleichen mussten. Auch das Clustering unserer Software in funktionale Gruppen war essenziell, um den Modernisierungspfad festzulegen.

Da ein solches Projekt ausschließlich mit internen Ressourcen nicht zu stemmen ist, freuen wir uns sehr, dass wir unser Team mit Mitarbeitern der PROFI AG verstärken konnten. Das hat es uns ermöglicht, die ersten Schritte der Modernisierung so erfolgreich umzusetzen.

Red.: Haben Sie abschließend noch einen Tipp für die vielen anderen Unternehmen, die vor einer vergleichbaren Herausforderung stehen?

JR: Im Zusammenhang mit unserer ersten neuen Software-Komponente haben wir ein Zitat von Fernando Magellan verwendet, das auch hier als Tipp gut passt: „Wer an der Küste bleibt, kann keine neuen Ozeane entdecken.“ Modernisierung beginnt damit, dass man sich auf die Reise begibt.

Jens Rammenzweig,
Vorstand der Bremer Kreditbank