Leitartikel

Pitstop Digitalisierung

Wie uns die nachhaltige digitale Transformation mit dem Ziel der größtmöglichen Kundenzentrierung gelingt

Im Jahr 1995 veröffentlichte die Hamburger Band Tocotronic ein Album mit dem Titel „Digital ist besser“. Im selben Jahr gründete Jeffrey P. Bezos Amazon. Beides ist bald ein Vierteljahrhundert her. Amazon ist mittlerweile unbestrittener Star der Digitalisierung. Durch absolute Kundenfokussierung hat das Unternehmen aus Seattle bereits unzählige disruptive Ideen erfolgreich am Markt platzieren können. Doch muss Digitalisierung immer gleich disruptiv sein? Genügt es nicht auch, dass man seine bestehenden Geschäftsprozesse auf Digitalisierungspotenziale prüft, Optimierungen vornimmt und sich evolutionär weiterentwickelt?

Grundsätzlich scheint der digitale Umbau in der deutschen Wirtschaft eher schleppend voranzukommen. Laut einer Umfrage im Auftrag der Beratungsfirma etventure geben deutsche Manager dem Zustand der digitalen Infrastruktur in Deutschland schlechte Noten. 13 Prozent halten sie für mangelhaft, 25 bezeichnen sie als ausreichend, als gut oder sehr gut bewerten sie gerade einmal 22 Prozent. Hinzu kommt, dass viele Konzerne sich bei der Transformation offenbar selber blockieren. Als gravierendstes Hindernis sehen die befragten Manager demnach die eigene Belegschaft an. 58 Prozent beklagen die „Verteidigung bestehender Strukturen“ durch Mitarbeiter. 51 Prozent bemängeln daneben „fehlende Erfahrung bei nutzerzentriertem Vorgehen“ und „blockierende Sicherheitsanforderungen“.

Insofern wurde es höchste Zeit für eine Verschnaufpause, um einmal zu reflektieren, wo wir und unsere Kunden aktuell stehen und wie Ansätze und Ideen für die weitere digitale Transformation aussehen. Als Pitstop bezeichnet man im Motorsport das Stoppen eines Fahrzeugs in der Box, um aufzutanken, neue Reifen zu montieren, kleine Reparaturen oder mechanische Einstellungen vorzunehmen, um danach optimiert wieder am Rennen teilzunehmen. 

Genau einen solchen Stop hat der PROFI CIO Innovation Circle (CIO IC) in einem zweitägigen Workshop Ende April durchgeführt. Der CIO IC ist ein Kreis von CIOs von einigen ausgewählten PROFI-Kunden, die sich regelmäßig treffen, um Erfahrungen auszutauschen und relevante Themen zu diskutieren. Dieses Mal wurde mit Unterstützung durch die KITE­MANAGER GmbH und mit Beteiligung von Entscheidungsträgern aus den Geschäftsbereichen in einem Pitstop Zwischenbilanz zum Stand der Digitalisierung gezogen. Dabei haben wir die KITE-Methode verwendet, um in kurzer Zeit maximale Ergebnisse mit einer Gruppe von gut 20 Teilnehmern zu erzielen.

„Culture eats Strategy for Breakfast“ gilt auch in der Digitalisierung

Schnell zeigte sich, dass Technologie nicht die Herausforderung zu sein scheint. Relevanter ist die Veränderung der Arbeitswelt in der Digitalisierung. Plötzlich sind ganz andere Eigenschaften als früher relevant. Kreativität und Querdenken stehen auf einmal im Vordergrund. Viele Menschen waren es in der bisherigen Arbeitswelt gewohnt, nicht selbst zu denken. Mitarbeiter wollen Antworten, klare Prozesse und einen richtigen Weg vorgegeben haben. Und Führungskräfte fördern klassisch genau dieses Verhalten. Aber – Neues entsteht nie aus dem Plan, sondern immer aus dem Experiment, dem Neuland, das man betritt. Innovationen entstehen, wenn man auch einmal loslässt und eingetretene Pfade verlässt. 


Warum sind agile Methoden ein wichtiger Erfolgsfaktor?

Auf dem Weg zu einer Unternehmenskultur, welche die für die digitale Transformation unerlässlichen Werte trägt, spielen viele Bausteine eine Rolle. Agile Rahmenwerke wie Scrum oder Kanban, Design Thinking, Rapid Prototyping, Minimal Viable Product, DevOps usw. sind bekannt und werden bereits oft in der Praxis eingesetzt. Damit lässt sich die notwendige Transparenz schaffen, die eine Grundvoraussetzung für das erfolgreiche Miteinander der unterschiedlichen Menschen ist. Zusammenarbeit gilt es aber auch organisatorisch zu verankern. Hierbei müssen Organisationssilos bewusst durch crossfunktionale Teams – zumindest projektbezogen – ersetzt und Zielsysteme angeglichen werden. Außerdem muss die Führung agile Werte vorleben und damit Vertrauen beweisen und Eigenverantwortung fördern. Wenn die Geschäftsführung agiles Denken propagiert und selber Projekt- und Business-Pläne fordert, ist die nachhaltige digitale Transformation höchstwahrscheinlich noch weit weg.

Die wesentliche Erkenntnis, dass an der Führung, an den Mitarbeitern und an der Kultur gearbeitet werden muss, ist nur der erste Schritt. Zum Glück steht das „E“ in der KITE-Methode für „Execute“. Genau darum muss es nun gehen. Der CIO IC wird den weiteren Prozess begleiten und bei der Umsetzung unterstützen. 

PS: Ganz konkret wird es dann übrigens doch um Technologie gehen: In einem Innovation Lab als Spin-off des CIO IC werden wir mit unseren Kunden eine Blockchain aufbauen.

Was ist Blockchain?

Blockchain-Technologie hilft dabei, alles, was einen Wert hat, zu digitalisieren und so viel effizienter in einem Netzwerk aus Geschäftspartnern auszutauschen – ohne einen zentralen Kontrollpunkt. Ziel ist es, Geschäftsprozesse, Handel und Wertschöpfungsketten schneller, transparenter, direkter und preiswerter zu machen. Blockchain funktioniert dabei wie ein Kassen- oder Hauptbuch, in dem Transaktionen verzeichnet, in Blöcken nacheinander gespeichert und in genau dieser unveränderbaren Reihenfolge aneinandergereiht werden, wie die Perlen einer Kette. 

Blockchain ist eine Art Hauptbuch, in dem zwar alle Partner das gleiche Register – den zentralen gemeinsamen „Ledger“ – einsehen können, aber nicht automatisch auf alle Blocks unter dem Register Zugriff haben. Gleichzeitig sorgt die Blockchain-Systematik dafür, dass jede einmal dokumentierte Transaktion weder geändert, entfernt noch in irgendeiner anderen Art manipuliert werden kann. Jeder Teilnehmer hat eine exakte Kopie des Ledgers und neue Transaktionen werden – je nach individuellen Zugriffsrechten – mit den übrigen Teilnehmern geteilt. So verfügen alle Beteiligten ständig über die aktuellste Version des Hauptbuchs.

Was ist die KITE-Methode?

Die KITE-Methode setzt auf das Wissen und die Erfahrung einer Gruppe von Entscheidern, Wissensträgern und Schlüsselpersonen eines Unternehmens, üblicherweise rund 30 Personen. „KITE“ beschreibt dabei als Akronym die folgenden vier Prozessphasen:

Knowledge: Über eine webbasierte Applikation, die den Beteiligten während des gesamten Transformationsprozesses zur Verfügung steht, werden relevante Informationen über den Markt, die technologischen Möglichkeiten und die laufenden Aktivitäten gesammelt, bewertet und bereitgestellt.

Ideation: Hier bekommen die Beteiligten die Möglichkeit, ihre eigenen Fragen und Ideen zu platzieren und die Ideen der anderen Teilnehmer zu bewerten. 

Transformation: Im Kern der KITE-Methode steht ein zweitägiger, intensiver Präsenz-Workshop. Ausgehend von der formulierten Leitfrage, werden die von den Teilnehmern eingebrachten Ideen und Perspektiven über einen Marktplatz auf die wesentlichen Kernthemen rund um die eingangs beschriebenen Dimensionen verdichtet. Diese Themen werden dann in einem iterativen Prozess, von einer Ist-Analyse über die Erarbeitung von Zielbildern hin zu konkreten Handlungsempfehlungen, geführt.

Execution: Die im Workshop erarbeiteten Handlungsempfehlungen werden mit der Geschäftsleitung abgestimmt, in eine systematische Projektstruktur überführt und zur Umsetzung gebracht. Die KITE-Applikation ermöglicht dabei über individuelle Dashboards das systematische Monitoring in der Projektsteuerung.

Die KITE-Methode wirkt wie ein Katalysator in der digitalen Transformation. Durch den Einbezug von Akteuren sämtlicher Fach- und Funktionsbereiche wird sichergestellt, dass alle relevanten Aspekte rund um die Themen Business, IT und Management Berücksichtigung finden. Die PROFI AG hat die Methode gemeinsam mit der KITEMANAGER GmbH für digitale Innovationsprozesse weiterentwickelt.