Business-Lösungen

IT Analytics 2.0

Welche Möglichkeiten zur Unterstützung der Polizeiarbeit bieten neue Software-Tools wirklich?

Ein Interview mit Jörg Prings, Geschäftsbereichsleiter Öffentlicher Dienst bei der PROFI AG, einem deutschen mittelstän­dischen IT-System- und Lösungshaus aus Darmstadt, soll helfen, diese Frage zu beantworten (Polizei Praxis).

Redaktion: Herr Prings, manchmal kann man den Eindruck gewinnen, die Informationstechnologie kann alles und löst Probleme, die man selber noch gar nicht kennt. Unter dem Stichwort Digitalisierung und Industrie 4.0 lässt sich da ja wohl im Moment vieles vermarkten, oder?

Jörg Prings: Gestatten Sie mir ein wenig zu schmunzeln, in der Tat, Digitalisierung ist in allen Bereichen der Gesellschaft ein beherrschendes Thema. Mit Blick auf die freie Wirtschaft wird sie gleichgesetzt mit einer neuen industriellen Revolution. Nach den Dampfmaschinen, der Fließbandfertigung, der Automatisierung jetzt Industrie 4.0 – das Internet der Dinge. Natürlich wäre das ohne die heutige Informationstechnologie nicht möglich. Von daher lassen sich natürlich viele Angebote und Lösungen der IT-Industrie mit dem „Anstrich“ Digitalisierung und Industrie 4.0 vermarkten.

Als Vertreter eines unabhängigen IT-System- und Lösungshauses betrachte ich die moderne Informationstechnologie nicht nur mit Blick auf die großen Fortschritte in der Leistungsfähigkeit von Rechner- oder Speichersystemen, sondern vor allem mit Blick auf die Entwicklung von Software als der dominierenden Komponente in der IT. Software und Daten sind aus meiner Sicht der entscheidende Baustein, der IT erst wertvoll macht.

Red.: Was ist denn an der heutigen Software so neu, dass es Sinn macht, auch aus Sicht der Polizei sich damit näher zu beschäftigen?

JP: Wenn ich heute über Hardware im Allgemeinen spreche, dann sind das nicht nur die genannten Rechner- und Speichersysteme, sondern jegliches mit Intelligenz versehene Gerät (Internet of Things – IoT). Denken Sie an all die Helfer in Ihrem Auto, denken Sie an digitale Videokameras zur Sicherheitsüberwachung oder an Body-Cams. Diese Geräte alleine bringen keinen Mehrwert, erst die Vernetzung und die Auswertung der Daten macht Sinn und kann die Polizeiarbeit unterstützen.

Red.: Herr Prings, können Sie das bitte mal exemplarisch darstellen?

JP: Das tue ich gerne und möchte mich dabei auf das Thema Analytics fokussieren und zwar wieder aus der Sicht eines IT-Lösungsanbieters, denn Analyse in jeglicher Form ist ja ein Grundpfeiler der Polizeiarbeit bei der Fahndung, oder um es vielleicht adaptiv mit einem Werbespot zu beschreiben: „Wer hat es erfunden – die Polizei“.

IT-Analytics findet heute die unterschiedlichsten Anwendungen. Ein Beispiel aus der freien Wirtschaft, ein Projekt, das unser Haus gemeinsam mit media control – einem führenden Marktforscher im Bereich der Mediennutzung in Deutschland – realisiert hat. (Hier geht es zur PROFI.referenz "media control").Dabei stand der Wunsch nach einer Antwort auf die Frage, was hat den Kunden dazu bewegt, ein bestimmtes Buch zu einer bestimmten Zeit zu kaufen, im Mittelpunkt. Um diese Frage zu beantworten, haben wir auf unterschiedliche, frei verfügbare Daten aus sozialen Medien zugegriffen und diese analysiert und korreliert. Ein weiteres Ziel in diesem Projekt war die Erkennung typischer Muster von Buchbestellern, um damit Erfolge zukünftiger Titel prognostizieren zu können.

Das hat sicherlich erst einmal wenig mit Polizeiarbeit zu tun, aber Mustererkennung in Zusammenhang mit Fahndungsarbeit ist thematisch identisch, nur, wie wir IT-ler sagen, ein anderer „Use Case“. Vorhandene polizeiliche Daten (z. B. PKS, VB-Systeme, Kriminalakten, Berichte etc.) oder aber auch Erkenntnisse aus der TKÜ (Telekommunikationsüberwachung) beispielsweise ergeben heute schon Hinweise und Informationen, die für die erfolgreiche Polizeiarbeit notwendig sind. Korreliert, sprich in Beziehung gesetzt zu anderen Datenquellen wie zum Beispiel Geodaten, soziostrukturelle Daten oder sozioökonomische Daten, können sich daraus nicht nur neue Erkenntnisse ergeben. Moderne IT-Analytic Tools sind auch in der Lage, daraus Prognosen zu erstellen, und das in Echtzeit.

Nehmen wir das Beispiel Predictive Policing, hier laufen ja in einigen Bundesländern bereits intensive Tests. Predictive Policing steht für die Datenanalyse, um potenzielle Ziele der polizeilichen Intervention zu identifizieren und durch Prognosen künftige kriminelle Handlungen mit zielgerichteten polizeilichen Massnahmen zu verhindern.

Red.: Sicherlich ist Ihnen bekannt, dass Predictive Policing nicht ganz unumstritten ist. Meinen Sie nicht, der Anspruch und die Erwartungshaltung an solch eine Software ist manchmal einfach zu hoch?

JP: Lassen Sie mich an dieser Stelle eine ganz deutliche Aussage treffen: Software-Lösungen können die Polizeiarbeit nur unterstützen, aber nicht ersetzen! Predictive Policing wird weltweit unterschiedlich eingesetzt, mit auch unterschiedlichen Ergebnissen in der Kriminalitätsprognose von Wahrscheinlichkeiten von Delikten an bestimmten Orten. Ein entscheidendes Erfolgskriterium aus meiner Sicht ist die Möglichkeit der Einbindung verschiedenster verfügbarer und nutzbarer Datenquellen in Form und Inhalt. Nur so erhöhe ich „Treffer“, denn Veränderungen von Verhaltensmustern, neue Verdächtige etc. können dann mit in die Analyse einfließen.

Lassen Sie mich ein Beispiel abseits von Predictive Policing konstruieren: Erkennen von Treffen oder Bewegungen von gewaltbereiten sogenannten Fußballfans vor einem Spiel durch Analyse von Social-Media-Daten, bei Personenidentifikation ergänzt um Nutzerverhalten im Internet (Google-Daten) und korelliert mit Geo-Daten und ggf. Telefonverbindungsdaten. Das Ergebnis könnte ein prognostizierter Lagebericht sein, der Präventivmaßnahmen ermöglicht.
Ein weiteres wichtiges Kriterium für die erfolgreiche Unterstützung der Polizeiarbeit durch IT-Analytic Tools ist die Echtzeitfähigkeit dieser Lösungen. Die Verarbeitung und vor allem die Ergebnisdarstellung muss sofort und permanent in Echtzeit erfolgen können und darf nicht eine Zeitpunktaufnahme sein.

Red.: An dieser Stelle möchte ich den Einwand des Datenschutzes machen.

JP: Datenschutz haben wir gesetzlich geregelt und das ist gut so. Habe ich bisher darüber gesprochen, dass ich verfügbare und nutzbare Datenquellen betrachte, so meine ich damit konkret bestehende polizeiliche Daten, aber auch legal käuflich erwerbliche Daten der freien Wirtschaft. Hier sehe ich keinen Konflikt mit den Datenschutzgesetzen unseres Landes, denn sonst wäre der Handel mit solchen Daten nicht gesetzeskonform.

Red.: Herr Prings, sicherlich ist der Datenschutz bei Anwendung von IT-Analytic Tools bei der Polizeiarbeit im Einzelfall zu prüfen. Das bringt mich gleich zu einer weiteren aktuellen Diskussion: Gesichtserkennung durch Videoüberwachung.

JP: Auch hier hat sich im IT-Lösungsmarkt einiges getan. Bevor ich aber darauf eingehe, möchte ich meine eingangs getroffene Aussage wiederholen, ohne intelligente Software ist der Wirkungsgrad von hochmoderner Hardware gering, will sagen, noch so hoch auflösende Kameras alleine lassen nur ein begrenztes Spektrum der Unterstützung in der Polizeiarbeit zu.

Lasse ich allerdings die Videodaten in ein intelligentes IT-Analytic Tool einfließen mit dem Fokus der automatischen Erkennung von Anomalitäten (z. B. ein abgestellter Gegenstand im Bereich, wo sich Menschen bewegen) bzw. ungewöhnlichen Verhaltensmustern oder Gesichtserkennung durch gezielt hinterlegte Bilder, so ergeben sich sowohl für die Prävention als auch für die Fahndungsarbeit mögliche neue Unterstützungsszenarien mit der Visualisierungsoption für den Polizeibeamten vor Ort oder in der Nähe.

Diese Visualisierungsmöglichkeiten, sprich Darstellung der Informationen für eine Lagebewertung für den Polizeibeamten vor Ort, zeichnen moderne IT-Analytic Tools aus. Unter dem Begriff der „Mobile Devices“ subsumiere ich mögliche Kommunikationsgeräte, die sowohl Videoinformationen als auch Geodaten in kartografierter Form, wie Textdaten oder ähnliches im Einsatzraum darstellen können, egal ob als Ausstattung im Streifenwagen oder als Funktionsausstattung der einzelnen Polizeibeamten/-innen.

Red.: Eine breite Palette der Einsatzmöglichkeiten, die Realisierung jedoch bedarf entsprechender Haushalte – eine enorme Investition, oder?

JP: Was darf Sicherheit kosten? Investitionsentscheidungen in der freien Wirtschaft basieren in der Regel auf die Gewinn­erwartung der sogenannten Business Cases, aber lässt sich ein Business Case zum Thema Sicherheit darstellen?

Wenn unser Haus heute mit Kunden Beratungsgespräche zum Einsatz und zum Nutzen von IT-Analytic Tools im Hause des Kunden diskutiert, ist eine unserer grundsätzlichen Empfehlungen: ein kleines definiertes Szenario aus den Aufgabenfeldern des Kunden, hinterlegt mit einem Proof of Concept (PoC), d. h. eine Machbarkeitsbetrachtung, um den Lösungsansatz in der Realität zu erproben. Das mag laienhaft und nicht professionell klingen, aber ein modernes, agiles IT-Analytics-Projekt unterliegt in der Regel eben nicht den klassischen Projektstrukturen mit Grobkonzept, Feinkonzept, Pflichtenheft etc.

Konkret wäre meine Empfehlung, ein mögliches Anwendungsszenario zu identifizieren und verfügbare Datenquellen dazu zu evaluieren, Ziel und Zeitraum für den Proof of Concept zu definieren und Verantworlichkeiten festzulegen. Natürlich gehört zu einem PoC auch die notwendige Software und eine Infrastruktur-Betriebsumgebung, genauso wie Test-User, die die Lösung im Alltagsbetrieb erproben und regelmäßig Feedback geben, damit die gesammelten Alltagserfahrungen in den laufenden Test einfließen können.

Die Industrie hält heute eine ganze Reihe moderner Tools im Bereich Analytics bereit, die aus meiner Sicht die Polizeiarbeit effektiv unterstützen können, aber wie gesagt: unterstützen und nicht ersetzen.

Jörg Prings,
Geschäftsbereichsleiter Öffentlicher Dienst der PROFI AG